yoga· Thomas Steglich

Vertrauen – Rückblick auf die Yoga-Klasse vom 14.09.2026

Ein Rückblick für alle, die dabei waren – und ein kleiner Einblick für alle, die sich fragen, wie eine Anusara-Yoga-Stunde bei mir eigentlich aufgebaut ist.

Der äußere Rahmen: kurz zusammengefasst

Jede Stunde folgt bei mir demselben Grundgerüst: Meditation, Warm-Up, Asana-Praxis und Shavasana. In dieser Klasse sah das so aus:

  • Meditation: Ein ruhiges Ankommen im Sitz, ein paar Runden Viloma Pranayama (die „dreiteilige Vollatmung") und die Vorstellung des inneren Nataraja – des Tänzers in uns, der aufbaut, bewahrt, loslässt, verbirgt und enthüllt.
  • Warm-Up: Vierfüßler-Vorbereitung, Chaturanga/Adho Mukha Svanasana im Wechsel, dann ein fließendes Mandala aus Stand-Asanas (Virabhadrasana 2, Trikonasana, Parshvottanasana u.a.), um Körper und Atem in Fluss zu bringen.
  • Asanas: Eine Reihe vorbereitender Rückbeugen (u.a. Anjaneyasana, Urdhva Mukha Svanasana, Setu Bandhasana, Camatkarasana), die alle auf eine Peak Pose zulaufen: Ustrasana, die Kamelhaltung.

Das Gerüst ist bei jeder Stunde ähnlich – das eigentliche Herzstück ist jedoch das Thema, das sich durch alle Teile hindurchzieht. Und darum soll es hier vor allem gehen.

Das Thema: Vertrauen

Diese Stunde stand unter dem Thema Vertrauen – verstanden als Spanda, das Pulsieren zwischen Halt geben und Loslassen.

Spanda ist eines der sechs Hauptmerkmale des Absoluten in der Tantra-Philosophie: die pulsierende, lebendige Schwingung, aus der alles hervorgeht. Vertrauen habe ich in dieser Stunde als eine ganz konkrete, erfahrbare Form dieses Pulsierens beschrieben – als das Wechselspiel zwischen einem Fundament, das ich aufbaue, und der Bereitschaft, mich in dieses Fundament hinein fallen zu lassen.

Ein Bild dafür: die Bergwanderung

Ich habe die Stunde mit einem Bild eröffnet, das viele aus eigener Erfahrung kennen: eine anspruchsvolle Bergwanderung, bei der jeder Tritt volle Konzentration verlangt – Wurzeln, Stufen, lose Steine. Je mehr ich mich auf den einzelnen Schritt einlasse und meinem Tritt vertraue, desto mehr kann ich gleichzeitig loslassen: die Sorge, ob ich ankomme, tritt in den Hintergrund. Genau dieses Vertrauen macht frei, ganz im gegenwärtigen Moment zu sein.

Dieses Wechselspiel – konzentrierte Sicherheit im einzelnen Schritt und das Loslassen der Sorge ums Ankommen – ist Spanda in seiner alltäglichsten Form.

Dazu passend ein Zitat aus dem Kularnava Tantra, das in der Stunde zur Sprache kam:

In dem Augenblick, in dem der Suchende in seinem Herzen mit dem Strom der göttlichen Shakti-Energie verschmilzt, ist er in der Lage, die göttliche Gnade zu empfangen und zu bewahren. 

(Kularnava Tantra, 14.38)

Dieses Verschmelzen mit dem Strom ist selbst ein Akt des Vertrauens: sich dem Pulsieren des Lebens zu überlassen, statt dagegen anzukämpfen.

Die zwei Seiten: Zuversicht und Hingabe

In der Anusara-Praxis arbeiten wir mit den **UPAs** (Universal Principles of Alignment), zwei davon standen diese Stunde im Zentrum, weil sie das Thema Vertrauen körperlich erfahrbar machen:

  • Muskuläre Energie (ME) – baut das Fundament auf, dem ich vertrauen kann: kraftvoll, stabil, verwurzelt, entschlossen.
  • Organische Energie (OE) – das Loslassen in dieses Fundament hinein: sich fallen lassen, zulassen, hingebungsvoll.

Diesen beiden Energien entsprechen zwei Herzqualitäten, die den Schwerpunkt der Stunde bildeten:

  • Zuversicht: Vertrauen in die eigene Kraft und das eigene Fundament – ich weiß, dass ich stehen kann
  • Hingabe: Vertrauen, das sich zeigt, wenn ich das Fundament loslasse und mich der Bewegung, dem Atem, dem Moment überlasse

Erst die Zuversicht in ein stabiles Fundament macht die Hingabe möglich, ohne dass sie zur bloßen Auflösung wird. Genau dieses Zusammenspiel ist Spanda – nicht nur festhalten, nicht nur loslassen, sondern das Pulsieren zwischen beidem.

Wo sich das Thema am deutlichsten zeigt: Ustrasana

Körperlich am klarsten wurde dieses Prinzip in der Peak Pose der Stunde, Ustrasana (Kamelhaltung): Je stabiler das Fundament in Schienbeinen, Füßen und Becken – die Zuversicht, die aus der Muskulären Energie entsteht –, desto mehr darf sich das Herz im Rücken öffnen und der Kopf loslassen – die Hingabe, die sich als Organische Energie zeigt. Ohne dieses Fundament würde die Rückbeuge kippen oder unsicher bleiben. Wie auf dem Bergweg: Die Sicherheit im Tritt macht das Loslassen der Sorge erst möglich.

Alle vorbereitenden Rückbeugen der Stunde – von Anjaneyasana über Urdhva Mukha Svanasana bis Camatkarasana – waren darauf angelegt, genau dieses Wechselspiel aus Fundament und Öffnung Schritt für Schritt aufzubauen, bevor es in Ustrasana kulminierte.

Reflexionsfragen aus der Stunde

Zur eigenen Vertiefung – auch abseits der Matte – hatte ich diese Fragen mitgegeben:

  • Wo in meinem Körper halte ich heute fest, weil ich nicht loslassen kann?
  • Was würde sich verändern, wenn ich dem Fundament vertraue, das ich gerade aufbaue?
  • Wem oder was in meinem Leben darf ich mich gerade mit mehr Hingabe überlassen?

Zum Ausklang

Die Stunde endete mit einem Gedanken, der sich gut als Essenz eignet:

Yoga ist nicht die Form, die unser Körper einnimmt. Yoga ist die Beziehung, die wir zum Leben einnehmen. 

(aus dem Newsletter von Esther von YAH)

True yoga is not about the shape of your body, but the shape of your life. Yoga is not to be performed; yoga is to be lived.

(B.K.S. Iyengar)

Das Vertrauen, das in dieser Stunde im festen Stand, in der Rückbeuge und im Gleichgewicht geübt wurde, darf mit in das Leben hinaus getragen werden – in den nächsten Schritt, dem man vertraut, ohne ihn schon zu kennen.

Namaste.