yoga· Thomas Steglich

Herzöffner – Rückblick auf die Yoga-Klasse vom 28.09.2026

Warum ein Gott mit Elefantenkopf ausgerechnet auf einer Maus reitet – und was das mit einem offenen Herzen zu tun hat: Gedanken und Eindrücke aus meiner Anusara-Yoga-Stunde vom 28. September.

Der Ablauf der Stunde

Der Aufbau meiner Stunden bleibt im Kern immer gleich: Meditation, Warm-Up, Asana-Praxis und Shavasana (Endentspannung). Diesmal sah die Abfolge so aus:

  • Meditation: Ein ruhiges Ankommen im Sitz mit dem Blick auf den Atem, den Händen auf dem Herzen und dem Ganesha Mudra (Hände vor der Brust, Finger ineinander verhakt), das Erdung und die Öffnung des Herzens unterstützt. Dazu ein persönliches Sankalpa (Vorsatz), das uns durch die Stunde begleiten durfte.
  • Warm-Up: Siddhasana (vollendeter Sitz) und Balasana (Kindhaltung) mit sanften Drehungen, Anahatasana (Herzschmelzhaltung) als erste „Schmelze im Herzen", Chakravakasana (Katze-Kuh-Fluss), Dandayamana Bharmanasana (Vierfüßler mit gestrecktem Arm und Bein) und Surya Namaskar (Sonnengruß).
  • Asanas: Eine Reihe vorbereitender Haltungen – von Eka Pada Adho Mukha Svanasana (dreibeiniger herabschauender Hund) über Hüftöffner und kniende Varianten der Kriegerhaltungen bis zu Vasisthasana (Seitstütz) und Ardha Chandrasana (Halbmond) –, die alle auf eine Peak Pose zuliefen: Camatkarasana (Haltung des verzückten Herzens, auch „Wild Thing").

An dieser Struktur ändert sich von Stunde zu Stunde wenig. Lebendig wird jede Klasse durch ihr Thema, das sich wie ein roter Faden durch alle Teile zieht – und davon soll dieser Rückblick vor allem erzählen.

Das Thema: das Herz öffnen

Diese Stunde stand ganz im Zeichen der Herzöffner – das Herz darf dabei weich werden und schmelzen. Und zwar nicht nur für andere, sondern auch und vor allem für uns selbst.

Ganesha und die Maus

Schon die Meditation begann mit einem Bild: Ganesha, der Gott mit dem Elefantenkopf, steht für Weisheit, Neuanfänge und das Überwinden von Hindernissen. Sein Reittier ist ausgerechnet eine winzige Maus – ein Sinnbild für unser Ego: flink, rastlos, ständig von einem Gedanken zum nächsten springend.

Das Spannende daran: Ganesha vertreibt die Maus nicht. Er sitzt auf ihr. Es geht in der Praxis also nicht darum, den Geist völlig still zu bekommen, sondern immer wieder zu bemerken: Wer führt hier eigentlich wen? Wenn wir abschweifen, nehmen wir es wahr und kommen bewusst zurück – zum Atem, zum Körper, zu uns. Die Maus darf mitkommen. Sie soll nur nicht führen.

Der Wettlauf um die Welt

Im Zentrum der Stunde stand eine Geschichte über Ganesha und seinen Bruder Kartikeya. Die beiden stritten, wer von ihnen würdiger sei. Ihre Eltern, Shiva und Parvati, riefen daraufhin eine Prüfung aus: Wer zuerst dreimal die ganze Welt umrundet, hat gewonnen.

Kartikeya zog sofort los – auf seinem Pfau, voller Ehrgeiz, ohne eine Sekunde zu verlieren. Ganesha aber, mit seinem schweren Körper und nur einer kleinen Maus als Reittier, wusste, dass er diesen Wettlauf nicht über Geschwindigkeit gewinnen würde. Also ging er ruhig zu seinen Eltern, umrundete dreimal sie – verneigte sich und sagte: „Ihr seid mein ganzes Universum. In euch ist alles enthalten, was die Welt ausmacht."

Shiva und Parvati waren so berührt, dass sie ihn zum Sieger erklärten, noch bevor Kartikeya zurück war.

Darin liegt eine Einladung: nicht nach außen zu rennen, um etwas zu beweisen oder zu erreichen, sondern sich mit offenem Herzen dem zuzuwenden, was direkt vor uns liegt. Der Weg zur Weite muss nicht über die Welt führen. Manchmal führt er nach innen – zu dem, was wir schon lieben.

Das Herz auch sich selbst gegenüber öffnen

Oft fällt es leichter, das Herz nach außen zu öffnen – für die Menschen, die wir lieben – als uns selbst gegenüber. Dazu habe ich Zeilen aus einem Gedicht mitgebracht, das im Netz häufig Charlie Chaplin zugeschrieben wird, tatsächlich aber von der Autorin Kim McMillen stammt:

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war – von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von allem, das mich immer wieder von mir selbst wegzog. Anfangs nannte ich das gesunden Egoismus, aber heute weiß ich: das ist SELBSTLIEBE.

Als ich mich zu lieben begann, erkannte ich, dass mich mein Denken armselig und krank machen kann. Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte, bekam der Verstand einen wichtigen Partner. Diese Verbindung nenne ich heute HERZENSWEISHEIT.

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen zu fürchten – denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander, und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich: DAS IST DAS LEBEN!

(Kim McMillen)

Das Prinzip dahinter: Open to Grace

In der Anusara-Praxis arbeiten wir mit den UPAs (Universal Principles of Alignment). In dieser Stunde stand ein einziges im Mittelpunkt: Open to Grace (sich der Gnade öffnen). Es steht für sich allein – als in sich vollständige Offenheit, die nicht auf Leistung, sondern auf Hinwendung setzt.

Open to Grace bedeutet: innehalten, einen tiefen Atemzug nehmen und weich werden, um den gegenwärtigen Moment ganz willkommen zu heißen. Genau das tut Ganesha – er rennt nicht los, sondern wendet sich dem zu, was vor ihm liegt. In der Praxis zeigte sich das in einigen einfachen Leitgedanken:

  • Den Atem empfangen: In Siddhasana (vollendeter Sitz) und Balasana (Kindhaltung) den Atem nicht machen, sondern geschehen lassen.
  • Das Fundament setzen: Bei jedem Ankommen in Tadasana (Berghaltung) und Adho Mukha Svanasana (herabschauender Hund) kurz innehalten – stabil und offen zugleich.
  • Die Körperseiten lang: In Anjaneyasana (tiefer Ausfallschritt) und Utthita Parshvakonasana (gestreckter Seitwinkel) Raum schaffen, statt nach vorne zu drängen.
  • Innen leuchtend, außen weich: In Vasisthasana (Seitstütz) und Ardha Chandrasana (Halbmond) Kraft von innen aufbauen, während das Gesicht und der äußere Körper weich bleiben.
  • Das Herz schmelzen lassen: In Camatkarasana (Haltung des verzückten Herzens) das Herz nicht nach oben drücken, sondern zum Himmel schmelzen lassen.

Diesem Prinzip entsprechen mehrere Herzqualitäten, von denen zwei den Schwerpunkt der Stunde bildeten:

  • Hingabe: Sich dem zuwenden, was direkt vor mir liegt, statt etwas zu erzwingen – wie Ganesha, der sich vor seinen Eltern verneigt
  • Selbstliebe: Das Herz auch mir selbst gegenüber öffnen, mild mit mir sein – auch dann, wenn „Sterne aufeinanderknallen"

Begleitet wurden sie von Dankbarkeit (Hände aufs Herz: Wofür bin ich dankbar?), dem Gefühl von Weite im Brustkorb und dem Mut, das Herz ungeschützt zu zeigen.

Die Peak Pose: Camatkarasana

Körperlich am klarsten wurde das Thema in Camatkarasana (Haltung des verzückten Herzens, auch „Wild Thing"). Camatkara bedeutet „das verzückte Staunen des Herzens". Die Haltung öffnet das Herz ungeschützt zum Himmel – verletzlich und mutig zugleich.

Wir sind aus Adho Mukha Svanasana (herabschauender Hund) eingestiegen: erst das Fundament setzen, dann in Eka Pada Adho Mukha Svanasana (dreibeiniger herabschauender Hund) ein Bein heben, das Knie beugen und die Hüfte öffnen. Das Gewicht wandert auf die eine Hand, die sich fest verwurzelt, während sich der Körper zur Seite dreht und der Fuß hinter dem Körper aufsetzt. Von dort darf sich das Herz zum Himmel drehen, der Arm streckt sich über den Kopf nach hinten, und der Kopf folgt dem Herzen.

Die Einladung dabei: Du musst hier nichts beweisen und nirgendwohin rennen. Deine Hand verwurzelt dich, alles andere darf sich öffnen – wie Ganesha, der sich einfach dem zuwendet, was er liebt. Vielleicht ist es diesmal: du selbst.

Alle vorbereitenden Haltungen – von Eka Pada Rajakapotasana (einbeinige Königstaube, Variation) über Ardha Hanumanasana (halber Spagat) und Baddha Virabhadrasana (demütiger Krieger), dem Bild für Ganeshas Verneigung, bis zu Ardha Chandrasana (Halbmond) – haben Hüften, Flanken und Brustkorb Schritt für Schritt geöffnet und so den Weg zu Camatkarasana bereitet.

Fragen zum Weiterdenken

Mit auf den Heimweg – und gerne auch in den Alltag – durften diese beiden Fragen:

  • Wo renne ich gerade um die ganze Welt, obwohl das, was ich suche, direkt vor mir liegt?
  • Was würde sich in meinem Alltag ändern, wenn ich mir selbst mit derselben Offenheit begegne wie den Menschen, die ich liebe?

Zum Abschluss

Am Anfang saß Ganesha auf seiner Maus, und wir haben uns gefragt: Wer führt hier eigentlich wen?

Vielleicht hat die eigene Maus in dieser Stunde ein paarmal versucht, loszurennen wie Kartikeya auf seinem Pfau: tiefer in die Haltung, weiter in die Rückbeuge, schneller ans Ziel. Und vielleicht haben wir sie bemerkt und sind zurückgekommen – zum Atem, zum Körper, zu uns.

Ganesha hat den Wettlauf nicht gewonnen, weil er schneller war, sondern weil er sich dem zugewandt hat, was er liebt. In Camatkarasana (Haltung des verzückten Herzens) haben wir das Herz zum Himmel geöffnet. Zum Abschluss durften wir es noch einmal nach innen richten – zu dem, was wir schon lieben. Vielleicht ist das ganz einfach: wir selbst.

Möge das Licht in meinem Herzen dem Licht in deinem Herzen begegnen.

Namaste.